Wenn A2-Niveau auf Wissenschaft trifft: DaZ-Klasse besucht die MLU Halle
Mediengeschichte klingt zunächst nach einem Thema für Studierende, Fachbücher und Universitätsseminare – nicht unbedingt nach Unterrichtsstoff für Jugendliche, die Deutsch erst seit kurzer Zeit lernen. Eine Exkursion an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zeigte jedoch eindrucksvoll, dass auch Schüler*innen mit Migrationserfahrung und Migrationshintergrund wissenschaftliche Inhalte auf Deutsch verstehen, bearbeiten und präsentieren können – vorausgesetzt, sie werden didaktisch passend begleitet.
Vorbereitung im Unterricht
Der Besuch an der MLU-Halle fand im Anschluss an eine Unterrichtseinheit im Bereich Deutsch als Zweitsprache statt. Der DaZ-Lehrer Majd Sowidan hatte seine Schüler*innen zuvor in die Mediengeschichte eingeführt. Im Unterricht ging es um alte und neue Medien, um Kommunikation früher und heute sowie um die Frage, wie Menschen Informationen aufnehmen, weitergeben und über größere Entfernungen weiterleiten. Trotz eines sprachlichen Niveaus von etwa A2 gelang es den Schülerinnen und Schülern, zentrale Inhalte zu erfassen und eigene Gedanken dazu zu entwickeln. Besonders sichtbar wurde dies in den Projekten, die die Jugendlichen vorbereitet hatten. Eine Gruppe beschäftigte sich mit dem Fernseher-Dispositiv und setzte sich damit auseinander, welche Rolle der Fernseher im Alltag, im Familienleben und in der gesellschaftlichen Kommunikation spielte. Eine andere Gruppe arbeitete zur optischen Signalübertragung und erklärte diese am Beispiel des Chappe-Telegrafen, auch bekannt als Semaphor. Dabei wurde deutlich, wie Menschen schon vor Telefon, Internet und Smartphone Nachrichten über weite Strecken sichtbar übermitteln konnten.
Ein motivierender Besuch
Ein Höhepunkt der Exkursion war der Vortrag einer Schülergruppe in einem Seminar der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Vor Studierenden präsentierten die Teilnehmenden, was sie im Unterricht gelernt und in ihren Projekten erarbeitet hatten. Sie erklärten Begriffe, stellten Beispiele vor und zeigten, dass wissenschaftliche Themen nicht nur Erwachsenen, Studierenden oder Muttersprachler*innen vorbehalten sind. Der Auftritt machte deutlich: Sprachliche Grenzen bedeuten nicht automatisch fachliche Grenzen. Kinder und Jugendliche, die Deutsch als Zweitsprache lernen, können auch anspruchsvolle Inhalte verstehen, wenn Lehrkräfte geeignete Methoden finden. Dazu gehören einfache Sprache, Bilder, Modelle, Beispiele aus dem Alltag, Wiederholungen, kooperative Arbeitsformen und eine klare Verbindung zwischen Fachwissen und persönlichen Erfahrungen der Lernenden. Gleichzeitig zeigte die Exkursion, wie groß die Rolle der Motivation ist. Der Besuch an der Universität gab den Schüler*innen das Gefühl, ernst genommen zu werden. Sie waren nicht nur Lernende in einem Klassenraum, sondern aktive Teilnehmende an einem wissenschaftlichen Ort. Diese Erfahrung kann Selbstvertrauen stärken, Neugier wecken und neue Bildungswege vorstellbar machen.
Ein Beispiel gelungener Bildung
Für den DaZ-Unterricht ergibt sich daraus eine wichtige Erkenntnis: Auch komplexe Themen wie Mediengeschichte können für Menschen mit begrenzten Deutschkenntnissen zugänglich sein. Entscheidend ist nicht allein das Sprachniveau, sondern die Art der Vermittlung. Wenn Lehrkräfte Inhalte methodisch reduzieren, anschaulich erklären und an die Lebenswelt der Teilnehmenden anschließen, können Schüler*innen nicht nur neue Wörter lernen, sondern auch auf Deutsch fachlich denken, argumentieren und präsentieren. Die Exkursion an die MLU-Halle wurde damit zu mehr als einem Ausflug. Sie wurde zu einem Beispiel dafür, wie Bildung gelingen kann, wenn jungen Menschen etwas zugetraut wird – und wenn Schule und Universität Räume öffnen, in denen Lernen, Sprache und Wissenschaft miteinander verbunden werden.
Beitrag: Majd Sowidan
Beitragsbilder: Euro-Schulen Halle