Wenn der Ort Gransee plötzlich deutschlandweit in aller Munde ist
Islam Shabanah ist aus den Euro-Schulen Berlin Brandenburg nicht mehr wegzudenken. In den 2010er Jahren begann er seine Tätigkeit als Deutschdozent in Integrations- und Firmenkursen sowie in Einzelcoachings am kleinen Standort im nordbrandenburgischen Gransee. Anfang 2022 übernahm er dann die Leitung zunächst für diese Sprachschule, wenig später auch die Verantwortung sowohl für den Standort Berlin als auch für denjenigen in Potsdam. Großer Nachfrage erfreuen sich in den Sekretariaten aller drei Bildungseinrichtungen derzeit die neuartigen Online-Berufssprachkurse. Im Gespräch verrät Islam Shabanah, warum er und seine Lehrkräfte verstärkt auf digitale Kursformate setzen.
Herr Shabanah, wie kam es dazu, dass die Euro-Schulen, für die Sie die Standortleitung in Berlin, Gransee und Potsdam innehaben, neben den Berufssprachkursen im klassischen Präsenzunterricht-Format nun auch Online-Kurse anbieten?
„Seit etwas mehr als anderthalb Jahren können wir als freier Träger bewährte Kursformate nicht mehr uneingeschränkt anbieten. Es gibt gewisse Kontingente, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) quartalsweise auf die einzelnen Anbieter verteilt werden. Betroffen sind davon vor allem die Kurse in Präsenzform. Geringer wird die Anzahl an Anfragen in unseren Verwaltungen deshalb aber natürlich nicht, denn wir genießen in Berlin, Potsdam und Gransee einen sehr guten Ruf.
Wir haben den Handlungsbedarf, Kürzungen in unserem Kursangebot vorbeugen zu müssen, früh erkannt und vorsorglich Schritte ergriffen, um uns zukunftssicher aufzustellen. Dafür mussten wir unser Portfolio etwas umgestalten. Der schnellste und einfachste Lösungsansatz war es, uns für Interessent*innen aus allen Bundesländern zu öffnen – und diesen die Teilnahme an unseren Kursen per Internet zu ermöglichen. In diesem Bereich sind erst wenige Träger vertreten, also schließen wir zugleich eine Lücke.“
Wie viele Online-Kurse sind an Ihren drei Standorten bereits durchgeführt worden oder laufen aktuell?
„Am Jahresende werden bereits etwas mehr als ein halbes Dutzend Kurse vollständig durchgeführt worden sein. Die Erfolgsquoten der Teilnehmer*innen unterscheiden sich nicht von denen der Präsenzkurse. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass einige Interessent*innen dem digitalen Angebot zunächst skeptisch gegenüberstanden. Da fielen in der Anmeldung schon mal Aussagen wie ‚Ich glaube nicht, dass ich in diesem Unterricht genauso viel lernen werde wie in einem Kurs, bei dem ich mich mit der Lehrkraft im gleichen Raum aufhalte.‘ Wir können aber allen Kund*innen versichern, dass die Lernatmosphäre im Online-Kurs genauso stimmig und motivierend ist wie in einem Präsenzkurs.
Und das Feedback nach Kursabschluss bestätigt, dass die Sorgen vor einem geringeren Lernerfolg oder einer Benachteiligung völlig unbegründet waren. Auch technische Hürden gibt es nicht: Unser Online-Lernsystem Jitsi hat sich bereits in der Pandemie als zuverlässig bewährt und ist sehr benutzerfreundlich gestaltet. Zudem erlaubt es den Dozent*innen, bei verschiedenen Übungen nur mit einzelnen Teilnehmer*innen in den Austausch zu treten, falls der Unterstützungsbedarf mal etwas größer ist als beim Rest der Lerngruppe.“
Aus welchen Teilen Deutschlands erhalten die Euro-Schulen Berlin Brandenburg bislang die meisten Anfragen für die Online-Kurse, kann man da „Hotspots“ benennen?
„Dazu muss zuerst erwähnt werden, dass wir an den Euro-Schulen Berlin bislang nur einen Online-Kurs durchgeführt haben, die meisten dagegen in Gransee. Das erklärt sich mit der räumlichen Lage: Die Standorte in Berlin und Potsdam sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut erreichbar und daher weiterhin prädestiniert für Vor-Ort-Kurse. Die Euro-Schulen Gransee, selbst in einer ländlichen Region ansässig, haben sich auf die Online-Kurse spezialisiert, da diese sich an Interessent*innen richten, die durch ihren Wohnort vom Bildungsmarkt regelrecht abgeschnitten sind und nicht mal eben an einen Sprachkurs-Träger herantreten können.
Wir helfen also Lernenden, die aus kleinen Dörfern – nicht nur aus Brandenburg, sondern aus allen Flächenbundesländern – kommen, wo die Zugverbindungen schlecht sind und es unzumutbar wäre, täglich eine mehrstündige Bus- oder Bahnfahrt für einen Deutschkurs auf sich zu nehmen. Beim letzten B2-Berufssprachkurs etwa haben wir eine Anfrage von einer Person aus der Nähe von Konstanz erhalten, also aus dem Grenzgebiet zu Österreich. Wir haben recherchiert, wo sie eine Einstufung ihres Sprachstands hätte vornehmen lassen können – und waren erschrocken, als wir feststellten, dass es in dieser Region praktisch keine Anlaufstellen dafür gibt.“
Einstufung, das ist ein gutes Stichwort. Unterscheidet sich das Anmeldeverfahren für die Online-Kurse von demjenigen für die Präsenzkurse? Und wenn ja, was müssen Interessent*innen für Ihre Kurse dabei beachten?
„Das ist in der Tat der schwierigste Part im Anmeldeprozess: Das BAMF schreibt vor, dass für Interessent*innen eine Einstufung vor dem Kurs erfolgen muss, wenn das letzte Sprachzertifikat vor über sechs Monaten ausgestellt worden sind. Unser Vorteil ist, dass von unserem Unternehmen, der ESO Education Group, im gesamten Bundesgebiet Standorte existieren.
Wir haben von mehreren Euro-Schulen tatkräftige Unterstützung bei den Kursvorbereitungen erhalten, zu nennen sind hier vor allem die Kolleg*innen in Oldenburg, Hannover, Dresden, Bamberg, Mainz, Köln und Aschaffenburg. Sie haben in ihren Räumlichkeiten die Einstufungstests mit unseren künftigen Teilnehmer*innen vorgenommen. Aktuell arbeitet unsere IT-Abteilung übrigens an einem Online-Einstufungssystem. Gelingt es, diese Verfahren von analog auf digital umzustellen, wird ein großes organisatorisches Problem bald gelöst sein.“
Wie finden Ihre Lehrkräfte die Möglichkeit, nun auch Sprachinteressierte aus anderen Bundesländern unterrichten zu können? Welche Vorteile bietet ihrer Meinung nach der Online-Kurs?
„Die allermeisten Lehrkräfte standen dieser Chance von Anfang an sehr positiv gegenüber. Für einige war es aber natürlich eine Umstellung, in den Online-Kursen drei oder sogar vier Stunden komplett im Sitzen verbringen zu müssen, da sie es gewohnt sind, mit ihrer Gestik und auch kleineren Bewegungselementen Vokabeln oder Konzepte zu vermitteln. Für diese Mitarbeitenden gab es bislang nur diese eine pädagogische Methode.
Aber auch diese Kolleg*innen sind inzwischen Feuer und Flamme für die Online-Formate und erkundigen sich bei mir schon nach den nächsten Kursstarts. Ich bin jedenfalls froh, für beide Unterrichtsformate viele Dozent*innen zu haben, die sich dort wohlfühlen und mit Leidenschaft ihr Wissen vermitteln. Und man darf nicht vergessen, dass auch das Angebot digitaler Lehrmaterialien stetig wächst und zugleich die eigenen Medienkompetenzen immer wichtiger werden. Durch die Online-Kurse profitieren bei diesem Thema beide Seiten – die Teilnehmer*innen und auch unsere Dozent*innen.“
Vielen Dank für das Gespräch.
*Diese Kurse werden gefördert durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Das Interview führte Maximilian Voigt (Marketingbeauftragter des ESO Bildungsraums Berlin Brandenburg)
Beitragsbild: Islam Shabanah